Vom Glück im Dialog zu sein

Es hat mich angetippt, das Glück. Gar nicht so direkt, aber doch angetippt und ins Ohr geflüstert: „Halte inne und denk nach!“ In einer Frauenrunde, die sich regelmäßig zum ‚Stammtisch‘ trifft, wurde die Frage in den Raum gestellt: „Wann seid ihr glücklich?“ Sie wurde verknüpft mit der Frage nach Urlaubszielen und ob wir dort glücklich gewesen seien. Wir erzählten unsere Reiseerlebnisse, begleitet vom Thema Glück und Glücklichsein. Es blieb ein zeitlich begrenzter Austausch, das Thema beschäftigte mich noch lange weiter.

Plötzlich fiel mir ein Erlebnis ein, das einige Jahre zurückliegt. Ich sah sie vor mir: Maria, wie sie in unserer Runde saß. Sie saß hoch aufgerichtet, hatte ihre Hände in den Sch0ß gelegt. Aufmerksam richtete sie ihren Blick und ihre Konzentration auf diejenige, die gerade sprach. Maria hörte zu. Ihr Zuhören drückte sich in ihrer Körperhaltung aus, in ihrem Blick, in ihrer Mimik. Nie zuvor hatte ich jemanden erlebt, der so zugehört hätte. Die anderen in der Runde schwieen, warteten, bis die Sprecherin signalisierte, fertig zu sein. Danach konnte jede Teilnehmerin ihre eigenen Gedanken beitragen und sich der Aufmerksamkeit und Zeit ebenso sicher sein wie die vorherige.

Eine Freundin hatte mich zu diesem Wochenende eingeladen. Ich wusste nur, dass es um ‚Kommunikation‘ gehen sollte. Die Freundin hatte gesagt: „Wenn du dir mal etwas Gutes tun willst…“ Und jetzt saß ich da und erlebte Erstaunliches. Maria hatte ein Thema vorgegeben, zum Beispiel: „Was bedeutet in euerm Leben ‚es wird Frühling‘?“ Ich glaube, sie fügte noch ein oder zwei erläuternde Sätze hinzu dann konnte jede ihren Gedanken nachhängen und sie äußern. Wenn ich mir das Bild eines gelingenden Dialoges vergegenwärtige, in dem die einzelnen Gedanken und Ideen wie an einer Leine ‚aufgehängt‘ und ‚in der Schwebe‘ gehalten werden, dann habe ich es an dieser Stelle erlebt.

Was passierte in dieser Situation? Ich habe begonnen, mir zuzuhören. Bis dahin hatte ich immer wieder erlebt, wie ich in Gesprächsrunden durchaus Ideen hatte, die ich hätte beitragen können. Immer aber waren andere schneller gewesen. Bis ich hätte reden können, hatte es schon viele neue Beiträge gegeben, die eine oder andere war mir mit einer ähnlichen Idee zuvorgekommen. Ich hatte geschwiegen, mit meiner Langsamkeit gehadert oder mit denjenigen, die schneller gewesen waren. Gelegentlich war ein Gedanke stärker und ließ sich nicht verdrängen. Ich suchte nach einer Gesprächslücke und platzte dann mit meinen Ideen heraus. Die Heftigkeit, mit der ich mir dann Raum verschaffte, rief oft Erstaunen oder Unverständnis hervor, weil die anderen schon einen Schritt weiter waren.

Ander in der Runde mit Maria. Hier konnten Gedanken auftauchen, die zu entwickeln Zeit blieb. Jede konnte abwägen, welchen von ihnen sie nach außen tragen wollte. Manch einen tat ich schnell ab: völliger Quatsch! Dann aber dachte ich: wenn ein Gedanke sich nicht verdrängen lässt, ist er es wert gesagt zu werden. Ich konnte mir Zeit lassen. Es wurde abgewartet. Die aufmerksame Spannung war bei allen spürbar. Wir waren neugierig aufeinander und interessiert am Gemeinschaftsgeschehen. Jede kam zu Wort. Gedankenfäden wurden zugelassen, aufgegriffen und verknüpft. Keiner der Fäden wurde abgeschnitten, jeder hatte die Chance, weiter gesponnen zu werden.

Am Ende hatte ich das Gefühl, alles gesagt zu haben, was ich hatte sagen wollen. Ich hatte mich nicht wie sonst verzettelt oder verwirrt. Ich hatte meine Gedanken im Innern entwickelt und nach außen getragen ohne befürchten zu müssen, in meinem Gedankenfluss unterbrochen zu werden. Jede Idee konnte ich klar und verständlich vor mir auf die ‚Leine‘ hängen. Ich habe etwas von mir gezeigt und viel erfahren, über mich und die anderen. Ich hatte das Gefühl, etwas Bedeutendes beigetragen zu haben. Ich habe zugehört und mich als zugehörig erlebt. Ich habe wahrgenommen und gewartet und bin in meinem eigenen Tempo mitgegangen. Diese Erfahrung ist mir wohl deshalb so in Erinnerung geblieben, weil sich daraus ein Glücksgefühl entwickelte, das mich tagelang begleitete und an das ich mich bis heute erinnere.

Was war geschehen? Ich sehe Maria vor mir, wie sie sitzt, schaut, nickt, machfragt, wiederholt, anregt – mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Und ich sehe mich selbst sitzend und lauschend, schauend und nickend und mir selbst zuhörend, mich selbst entdeckend. Vielleicht ist das schon Glück? Glücklich sein, denke ich, kann ich in den Momenten, in denen ich mir selbst und anderen begegne. Vielleicht ist das ein ‚Schlüssel zum Glück‘: inne halten und zuhören, sich selbst und anderen.

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Buchtipp: Märchen für Menschen mit Demenz

002 (2)Wir alle kennen Märchen, erinnern sie aus Kindertagen oder haben sie den eigenen Kindern vorgelesen. Die alten und erzählten Märchen sind weitgehend aus unserem Alltag verschwunden. In einigen Bereichen aber erleben sie zurzeit eine Renaissance. In der Begleitung demenziell Erkrankter bieten sie Möglichkeiten und Chancen zur Aktivierung. Vor allem alte Menschen erinnern sich an die Geschichten ihrer Kindheit und damit verbundenen Gefühle und Erlebnisse – Grund genug, sich der Märchen anzunehmen. Drei erfahrene Autorinnen setzen hier grundlegend an: Was ist eigentlich ein ‚Märchen‘? Wie unterscheiden sich Märchen von Geschichten? Eine kurze Einführung in die Situation demenziell Erkrankter ergänzt das Grundwissen, bevor das Buch im dritten Teil Anleitungen für die Praxis bietet: Umgang mit Märchen, Märchenauswahl, die Entscheidung: lesen oder erzählen und vieles mehr. Im vierten praktischen Teil werden 18 geeignete, teils bekannte Märchen und Anregungen für die Praxis vorgestellt. Dabei bieten sie für jede Märchenaktion den gleichen Aufbau: eine Einführung zum Hintergrund und zur Bedeutung des jeweiligen Märchens, die Vorbereitung und Einleitung der Aktion, der Hauptteil mit Anregungen zur Gestaltung und den Ausklang und Abschluss. Vorschläge zur Gestaltung und Dekoration und zum Gespräch sind ebenso enthalten wie Warnhinweise auf das, was in der Arbeit mit demenziell Erkrankten zu beachten ist. Ein empfehlenswertes Buch für Menschen, die in der Arbeit mit demenziell Erkrankten Märchen einsetzen und sich Grundlagen dazu erarbeiten möchten.

Die Autorinnen

Angelika B. Hirsch (Hg.), Religionswissenschaftlerin, Autorin und Vizepräsidentin der EMG e. V. erforscht und erzählt seit 25 Jahren Märchen.

Ursula Thomas, Märchenerzählerin, erzählt für Menschen jeden Alters, auch in Mundart. Sie bildet Interessierte „rund um Märchen“ fort und unterrichtet im Bereich der Altenpflege zum Thema Märchen erzählen und vorlesen und Märchen für Menschen mit Demenz. Sie gründete den Märchenzirkel Münster und Programmverantwortliche für die Münster Märchenwochen.

Veronika Uhlich, Märchenerzählerin, Referentin, ist in der Erwachsenenbildung tätig, im Märchenerzählen, Märchenkunde und Vorlesen für Menschen mit Demenz. Sie leitet den Leverkusener Märchenkreis.

Märchen für Menschen mit Demenz. Sicher und kompetent in der Betreuung einsetzen. Angelika B. Hirsch (Hg.), Ursula Thomas, Veronika Uhlich. Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft e. V., Rheine. Vinzentz Network, Hannover 2016. ISBN 978-3-86630-452-9, Preis: 28,80 Euro.

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Buchtipp: Märchen gegen das Vergessen

001 (2)Manchmal ahnt man es, wenn man ein Buch zum ersten Mal in die Hand nimmt: es könnte ein Lieblingsbuch werden. Das kann geschehen, wenn man merkt: es geht nicht nur um das geschriebene Wort. Es geht um sinnliches Erleben, und das ist spürbar – in der Sprache und der Gestaltung des Buches. Die Autoren Marianne Vier und Lothar Schröer kennen sich aus mit dem Thema, wissen worum es geht, wenn sie „Märchen vorlesen“ für demenziell Erkrankte empfehlen. Die Einführung ist kurz gehalten und bezieht sich pointiert auf die wichtigsten Hinweise, die sich zusammenfassen lassen in: setz dich hin und nimm dir Zeit! Der zweite Teil bietet 40 bekannte und nicht so bekannte Märchen aus aller Welt, die textlich sehr vorsichtig den Erfordernissen der Zielgruppe angepasst wurden. Jedem Märchen stellen die Autoren eine inhaltliche Zusammenfassung voran. Nach dem Märchentext geben sie Anregungen zur sinnlichen Erfahrung und stellen passende Lieder, Gedichte und Zitate vor. Mit der vergrößerten Schrift und den farbig gestaltetenn Passagen erleichtern sie auch Vorlese-Anfängern den Einstieg in ein langsames, ausdrucksvolles Vorlesen. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das sich eignet, zum dauerhaften Begleiter der Begleiter für Menschen mit demenzieller Erkrankung zu werden, aber nicht nur. Die Anregungen sind durchaus auf andere Zielgruppen jeden Alters übertragbar. Das Buch ist auch als E-Book erhältlich.

Marianne Vier, Märchenerzählerin und systemische Organisationsberaterin und Lothar Schröer, Märchenerzähler und Coach sind seit Jahren als Erzähler in unterschiedlichen Bereichen tätig und haben unter anderem im Kontakt mit demenziell erkrankten Menschen einen großen Erfahrungsschatz gesammelt, den sie auch in Seminaren und im Coaching weitergeben.

Märchen gegen das Vergessen. Wie Sie mit Vorlesen Demenzkranke erreichen. Marianne Vier / Lothar Schröer. Kösel-Verlag, München, 2016. Mit 40 Märchen. ISBN 978-3-466-34623-3, ca. 22,99 Euro.

 

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Buchtipp: Ein ganzes Leben / Robert Seethaler

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Andreas Egger, Anfang des 20. Jahrhunderts unehelich geboren, kommt nach dem Tod seiner Mutter als vierjähriger Bub in das Haus seines Onkels. Dort wird er als Hilfskraft missbraucht und misshandelt. Trotz seiner dadurch entstandenen körperlichen Beeinträchtigungen entwickelt Egger eine äußere und innere Kraft, die ihn durch das Leben in den Bergen trägt.

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Warum es keinen Krieg geben darf

Als zwischen zwei benachbarten Ländern ein Krieg unvermeidlich schien, schickten beide Könige Späher aus. Sie sollten auskundschaften, an welcher Stelle es am einfachsten sei, in das Nachbarland einzufallen. Die Kundschafter kehrten zurück und berichteten beide das Gleiche: Es gäbe nur eine einzige Stelle, an der dies möglich sei. Hier aber lebte ein junger Bauer mit seiner anmutigen Frau und ihrem kleinen Kind. Es hieß, sie seien die glücklichsten Menschen auf Erden. „Marschierten nun unsere Heerscharen über diese Grundstücke“, sagten die Kundschafter, „so zerstörten sie das Glück. Also kann es keinen Krieg geben.“ Die beiden Könige sahen das ein, und so gab es keinen Krieg, wie jeder Mensch begreifen wird.                                    chinesisches Märchen, Quelle unbekannt

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Lebensbäume – Lebensträume: Aschenputtels Entwicklung zur Frau

Täubchen_goldener SchuhEs ist eines der bekanntesten und meist kritisierten Märchen. Es vermittle falsche weibliche Rollenbilder, lautet einer der Vorwürfe – auch heute noch. Aber wer dem Grimmschen ‚Aschenputtel‘ auf seinem Weg folgt, aufmerksam hinsieht und hinhört, kann die starke Persönlichkeit dieser Märchenheldin entdecken und von ihr lernen.  Weiterlesen

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Buchtipp: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Ein secKöhlmeier_Mädchenhsjähriges Mädchen in einer großen Stadt. Woher sie kommt, weiß man nicht. Niemand kennt ihre Sprache. Sie ist allein unterwegs und trifft immer wieder auf Menschen, die ihr helfen, aber auch auf jene, die sie übersehen oder nicht so recht wissen, was sie mit ihr anfangen sollen. Die Kleine ist hungrig und müde, immer auf der Suche nach etwas Essbarem und einen Schlafplatz. Sie wird von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht. Dort trifft sie auf einen Jungen, der ihre Sprache spricht. Gemeinsam mit einem weiteren Freund flüchten sie aus dem Heim. Weiterlesen

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